Unachtsamkeit ist zur Normalität geworden. Die Wenigsten unter uns befinden sich im Hier und Jetzt. Unsere Gedanken schweifen plötzlich ab, in die Vergangenheit oder Zukunft.
In der heutigen, schnelllebigen Gesellschaft mit ständigem Zeitdruck und endlos langen To-do-Listen versuchen wir alles unter einen Hut zu bringen, indem wir zwei Schritte vorausdenken wollen. Dies tun wir, um zu schauen, was wir noch alles gleichzeitig tun können, um sprichwörtlich «zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen». Das Leben lässt sich in diesem andauernden Stresszustand nicht mit der Intensität genießen, wie wir es uns wünschen. Die häufigste Aussage, die Menschen kurz vor ihrem Tode treffen ist, dass sie, wenn sie etwas in ihrem Leben hätten ändern können, mehr Zeit mit ihrer Familie und ihren Freunden und den schönen Dingen verbracht hätten und weniger mit der Arbeit oder der Verfolgung von Zielen.
Warum es sich lohnt Achtsamkeit zu praktizieren? Durch Achtsamkeitstechniken können wir einen reißenden Fluss aus Gedanken in einen ruhigen Fluss verwandeln. Durch regelmäßiges Üben kann dieser Fluss sogar in einen gleichmäßig fliessenden Strom verwandelt werden. Wir werden konzentrierter, aufmerksamer uns selbst und unseren Mitmenschen gegenüber und sind wieder in der Lage, das Leben in seiner vollen Intensität zu genießen.
Der Sympathikus und der Parasympathikus steuern zusammen die Aktivitäten des Körpers. Dabei ist der Sympathikus zuständig dafür, uns in einen Zustand höchster Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft zu versetzen, während der Parasympathikus den Stoffwechsel steuert und der Erholung und dem Aufbau körpereigener Reserven dient. Ist der Sympathikus dauerhaft aktiv, was bei einem andauernden Stresszustand der Fall ist, ist der Parasympathikus währenddessen inaktiv und trägt damit in dieser Zeit nicht zur Regeneration des Köpers bei. Durch die Anwendung von Achtsamkeitstechniken wird der Parasympathikus wieder aktiv. Wir erholen uns.
Aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns ist es möglich, bis ins hohe Alter neue Dinge zu erlernen. Daher können ungesunde eingefahrene Verhaltensweisen durch wiederholtes Üben moduliert werden. Dies geschieht durch das wiederholte Anwenden von neuen vorzüglichen Gewohnheiten, die an Stelle der schlechten Angewohnheiten treten sollen. Durch die Wiederholung entstehen neue neuronale Verbindungen im Gehirn.
Um Achtsamkeit zu erlernen, sind drei Grundvoraussetzungen notwendig: Geduld, Vertrauen und das Nicht-Streben. Denn mit Besessenheit achtsamer werden zu wollen ist eine Unmöglichkeit. Besessen ein Ziel erreichen zu wollen hält uns davon ab präsent zu sein. Wir schweifen gedanklich ab. Führen wir stattdessen eine Handlung um ihrer selbst Willen aus, sind wir in der Tätigkeit präsent. Wir befinden uns im Hier und Jetzt. Der Grund liegt darin, dass wir die Tätigkeit nicht von unseren Erwartungen beherrschen lassen, sondern die Handlung um ihrer selbst Willen tun. Diese Haltung wird als Nicht-Streben bezeichnet.
Weiterhin benötigen wir Geduld. Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Wir müssen lernen, dass Veränderungen Zeit benötigen. «Eine Larve wird nicht schneller zum Schmetterling, wenn man sie vorschnell aus ihrem Kokon befreit; Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.» Über Vertrauen müssen wir verfügen, um uns auf Neues einlassen zu können. Zudem sollten wir nichts tun, was sich für uns nicht richtig anfühlt. Bedeutet uns selbst sowie unserer Intuition und Weisheit zu vertrauen. So können wir eine Situation besser einschätzen und für uns annehmbare Entscheidungen fällen. Vertrauen wir statt uns selbst lieber anderen, leben wir jemand anderes Leben, nicht unser eigenes.
Wie können wir nun an Achtsamkeit hinzugewinnen? Zum Einen, indem wir darauf achten, alltägliche Handlungen achtsam durchzuführen. Zu den alltäglichen Handlungen zählen Routineaufgaben wie z. B. das Zähneputzen, auf die Toilette gehen, Duschen, Eincremen, der Arbeitsweg, kochen, den anderen Menschen zuzuhören etc. Versuche dich nur auf diese Handlung zu konzentrieren, wie etwa dem Zähneputzen direkt nach dem Aufstehen. So als wäre es das Einzige und Wichtigste auf der Welt. Wenn du mit den Gedanken abschweifst, versuche dich möglichst wieder auf das Zähneputzen zu konzentrieren und wie es sich anfühlt, wie es schmeckt und konzentriere dich darauf wie die Bewegung der Zahnbürste verläuft. Diese Achtsamkeitsübung ist auf alle weiteren alltäglichen Handlungen übertragbar. Sie gehen ins Fleisch und Blut über, wenn sie so häufig wie möglich angewendet werden.
Darüber hinaus können wir Übungen ausführen, die mehr Zeit erfordern. Um Achtsamkeitsübungen wie z. B. die Meditation ausführen zu können, benötigen wir einen ruhigen Raum. Regelmäßige Mediation erhöht unsere Konzentrationsfähigkeit, ordnet unsere Gedanken, sodass wir über eine klare Sicht der Dinge verfügen und Entscheidungen besser treffen können. Da es in jeder größeren Stadt Schulen gibt, die Meditationsübungen anbieten, wird an dieser Stelle auf eine Erklärung der Techniken verzichtet. Dies betrifft ebenso die Yoga-Übungen, welche die Wahrnehmung unseres eigenen Körpers intensivieren.
Neben der Meditation und dem Yoga können wir durch Stille und/oder Nichtstun eine Auszeit von der Informationsflut nehmen, die uns täglich überrollt. Dazu können wir uns bewusst dafür entscheiden, im Laufe des Tages für ein paar Stunden auf Medien, Kommunikation und Musik zu verzichten z. B. wenn wir von der Arbeit nach Hause fahren.Da hilft es, erst einmal ‹anzukommen›, sich ein paar Minuten hinzusetzen und sich zu entspannen.
Dabei können wir eine weitere Achtsamkeitstechnik anwenden: das ‹einfache Einatmen›. Da wir bereits einatmen und ausatmen ohne es zu merken, ist es für uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden. So wie viele andere Dinge, wodurch wir die vielen schönen kleinen Momente, die das Leben uns schenkt, nicht mehr wahrnehmen. Sogar etwas, was uns wichtig ist, nicht mehr so genießen können, wie es im Grunde möglich wäre, würden wir mehr Achtsamkeit praktizieren.
Für das ‹einfache Atmen› sitzen wir aufrecht und atmen einmal ganz tief und bewusst, ein bis sich unser Bauch wölbt und atmen im Anschluss daran ganz langsam die ganze Luft wieder aus. Diese Technik wiederholen wir mehrere Male hintereinander. Dabei konzentrieren wir uns ganz auf den Atemprozess und spüren den Sauerstoff, der in unsere Blutbahnen und in unser Gehirn gelangt und wir spüren wie sich das anfühlt.
Eine weitere effektive Achtsamkeitsübung stellt das Lösen von körperlichen Anspannungen dar. Wenn wir uns über etwas aufregen oder ärgern oder auch Angst vor etwas haben, spannen wir instinktiv unseren Körper an. Hier gilt es die Wahrnehmung zu schulen. Wir müssen lernen zu erkennen, wenn wir in eine solche Situation geraten und uns erinnern, dass negative Gefühle zur Anspannung unseres Körpers führen.
Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf das Körperteil, welches wir entspannen wollen, spannen dieses bewusst an und lassen daraufhin die Anspannung fallen, kombiniert mit tiefem Ausatmen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, gelegentlich in die Sauna zu gehen und/oder zur Massage, um den Körper zu entspannen. Nicht jeder Mensch entspannt gleich. Finde daher heraus, was dich am meisten entspannt und nutze dein Wissen, um dein Stresslevel zu reduzieren. Es gilt den Parasympathikus zu aktivieren, um die Regenerationsprozesse des Körpers zum Laufen zu bringen. Nimm dir Zeit für das Wesentliche. Entschleunige mit Hilfe der vorgestellten Achtsamkeitsübungen deinen Alltag und tu deinem Körper, deiner Gesundheit, dir selbst etwas Gutes!