Mimikresonanz fördert unsere Empathie. Uns in Mitgefühl zu üben bringt uns dem Leben anderer näher. Mit Mimikresonanz sind nicht die Formen der Mimiken, welche Gehörlose kennen gemeint, sondern eine tiefgründigere Bedeutung der Mimik.
Marlis Lamers ist seit drei Jahren Mimikresonanz-Trainerin und bietet deutschlandweit Training und Seminare an. «Ich übe den Beruf mit ganz viel Liebe und Herz aus», so Marlis im Gespräch. Sie erklärt, dass die Mimikresonanz unsere Empathie bzw. unser Vermögen, uns in einen anderen Menschen einzufühlen, fördert. Eine höhere Empathie erleichtert wiederum unser Zusammenleben. Aus diesem Grund sind die Trainings und Seminare für alle Menschen, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht wichtig. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es inzwischen geschätzt 120 MimikresonanztrainerInnen. Die Mimikresonanz wird auch als das «Gesichterlesen» bezeichnet. Es geht darum, zu erkennen, welche Emotion sich hinter den jeweiligen mimischen Expressionen verbirgt, diese richtig zu interpretieren und die Kommunikation auf dieser Basis friedvoll fortzuführen. Unter mimischen Expressionen werden Gesichtsmuskelbewegungen verstanden, die zu einem Gesichtsausdruck führen. Diesem liegt eine Basisemotion z. B. Ärger zugrunde.
Charles Darwin erkannte bereits im 19. Jahrhundert, dass die mimischen Expressionen nicht dem Selbstzweck dienen, sondern dazu, andere Menschen über unseren Gefühlszustand zu informieren. Damit dies möglich ist, muss es Emotionen geben, die angeboren sind und von jedem anderen Menschen erkannt werden können. Emotionen, die kulturübergreifend gleich sind. Paul Ekmann bestätigte Charles Darwins Theorie, indem er auf einer langen Forschungsreise Menschen, die fernab der zivilisierten Welt lebten, Fotos mit mimischen Expressionen zeigte, welche sie richtig deuten konnten.
Ekmann identifizierte 7 Basisemotionen: Angst, Ärger, Ekel, Verachtung, Überraschung, Freude und Trauer. Bei der Mimikresonanz geht es darum, die Emotion richtig zu interpretieren und bei Unsicherheit beim Gesprächspartner nachzufragen. Es gilt den Fehler des Othellos zu vermeiden. Bei Othello, der Mohr von Venedig, handelt es sich um ein Theaterstück von William Shakespeare, das 1604 in London uraufgeführt wurde.
Othello, ein Feldherr, erfuhr von dem Gerücht, dass seine Frau Desdemona ihn mit seinem Leutnant und engsten Vertrauten betrogen habe. Er stellte sie zur Rede und Desdemona beteuerte ihre Unschuld. Othello bemerkte dabei ihre Furcht und interpretierte, dass Desdemona Angst vor den Folgen ihres Seitensprungs hatte und tötete sie. Desdemona war ihm treu, hatte aber Angst davor, dass Othello ihr nicht glauben würde. Othello hatte Desdemonas Furcht fehlinterpretiert. Als er seinen Fehler bemerkte, nahm er sich das Leben. Im Folgenden werden die mimischen Expressionen, die den 7 Basisemotionen zugrunde liegen, sowie die Basisemotionen selbst, kurz erklärt.
Bei der Angst ziehen sich die Augenbrauen nach oben hin zusammen und das untere Augenlid ist angespannt. Der Mund ist leicht geöffnet und die Lippen verziehen sich nach außen. Beim Ärger dagegen sind die Augenbrauen oft nach unten hin zusammengezogen und es bilden sich Zornesfalten im Stirnbereich. In manchen Fällen ist zusätzlich ein zusammengepresster Mund sichtbar. Der Ekel unterteilt sich in zwei verschiedene Arten. Zum Einen dem olfaktorischen Ekel und zum Anderen dem moralischen Ekel. Beim olfaktorischen Ekel reagiert der Mensch mit einer mimischen Expression auf unangenehme Gerüche wie z. B. jenem der sauren Milch. Die Reaktion äußert sich in einer gekräuselten Nase mit nach unten gezogenen Augenbrauen und hochgezogener Oberlippe. Beim moralischen Ekel verabscheut der Betroffene die Handlung eines Mitmenschens und zieht an dieser Stelle nur die Oberlippe hoch.
Nur bei der Verachtung ist die mimische Expression einseitig. Es ist nur eine Gesichtshälfte betroffen. Bei dieser Basisemotion wird einer der beiden Mundwinkel eingepresst. Es ist darauf zu achten, dass sich bei dieser Basisemotion die Emotion wirklich nur auf einer Gesichtshälfte zeigt. Bei der Freude wird zwischen dem sozialen und echtem Lächeln unterschieden. Beim sozialen Lächeln gehen die Mundwinkel nach oben. Am Auge verändert sich nichts. Bei einem echten, wirklich erlebten Lächeln hingegen senkt sich die Augendeckfalte leicht ab. Das Absenken der Augendeckfalte verursacht „strahlende Augen“. Bei der Basisemotion «Überraschung» werden die Augen ganz groß und der Unterkiefer fällt herunter. Bei der Trauer ziehen sich die inneren Augenbrauen hoch und die Mundwinkel fallen nach unten herab.
Die Emotionserkennungsfähigkeit ist angeboren, entwickelt sich aber im Laufe des Erwachsenenwerdens zurück. Kleinkinder sind wesentlich kompetenter darin, nonverbale Signale zu deuten, als Erwachsene. So verfügen Kinder über eine Erkennungsfähigkeit von nahezu 100%, während Erwachsene über 30-50% mimische Erkennungsfähigkeit verfügen, sofern sie ungeschult sind. Die Emotionserkennungsfähigkeit lässt mit dem Erlernen der verbalen Sprache nach, weil wir dann über das Instrument der Sprache verfügen und weniger stark auf die nonverbalen Signale achten. Dies führt dazu, dass wir die mimische Erkennungsfähigkeit verlernen.
Eine ausgeprägte Emotionserkennung hilft, mimische Expressionen zwischen 40 und 500 Millisekunden zu erkennen und richtig zu interpretieren, um auf die Bedürfnisse des Gesprächspartners eingehen zu können, sodass das Gespräch einen positiven Verlauf nimmt. Sie ist nicht dafür gedacht, Menschen zu manipulieren oder zu steuern. «Es geht nicht darum, dass ich etwas tue, was ich nicht möchte», sagt Marlis ernst. Das ist auch gar nicht möglich, da die kurzen Bewegungen im Gesicht sich unserer bewussten Steuerung entziehen. Sie werden unwillentlich von unserem limbischen System, dem Emotionserkennungssystem, gesteuert. Das limbische System können wir unmöglich beeinflussen. Profitieren können alle Menschen von der Mimikresonanz, insbesondere jene, die auch beruflich mit anderen Menschen zu tun haben z. B. im Verkauf, im Vertrieb, bei der Arbeit im Krankenhaus. Auch solche, welche eine Tätigkeit als Arzt, als Rechtsanwalt oder eine beratende Tätigkeit im Polizei- und Sicherheitswesen ausüben.
Warum ist es gerade für diese Menschen von besonderer Bedeutung, die Mimikresonanz zu erlernen? Wie bereits beschrieben, geht es bei der Mimikresonanz darum, zu erkennen, was das Gegenüber wirklich möchte. Durch eine höhere Emotionserkennung kann der Arzt besser deuten, wie es seinem Patienten wirklich geht und entsprechend einfühlsam mit ihm umgehen. Ein Verkäufer verfolgt mit einer besseren Mimikerkennung das Ziel, direkt auf die Bedürfnisse seines Kunden eingehen zu können. Kennt der Verkäufer die Wünsche seines Kunden, kann er das Produkt aus seinem Angebot hervorholen, welches auf den Kunden zugeschnitten ist. Eine lange Suche und ein folglich ungeduldiger Kunde bleibt uns hierbei erspart. Mit anderen Worten möchte der Verkäufer dem Kunden seine Wünsche vom Gesicht ablesen. Schafft er dies, ist der Kunde zufrieden.
Ist der Kunde zufrieden, nimmt das Gespräch einen positiven Verlauf. Der Kunde kauft mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die angebotene Dienstleistung ein und nimmt diese mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erneut in Anspruch. Die Dienstleistung kann «nur» aus einer beratenden Tätigkeit bestehen oder mit einem Produkt verbunden sein.«Wenn ich beim Kunden tatsächlich sehe, was er möchte, sein wirkliches Bedürfnis erfülle, spiegelt er mir seine große Freude, seine Dankbarkeit und Zufriedenheit. Und das lässt mich auch am Ende des Tages zufrieden sein mit meinem Beruf», freut sich Marlis.
Die Mimikresonanzexpertin nennt ein weiteres klassisches Beispiel zur Kunden-Verkäufer-Situation: Der Kunde ist an einem Produkt interessiert und lässt sich vom Verkäufer beraten. Nun fragt der Kunde nach dem Preis. Nachdem der Verkäufer ihm den Preis nennt, entsteht beim Kunden eine Trauerexpression, die sich durch hoch gezogene innere Augenbrauen äußert. Der mimische Ausdruck ist ein Hinweis darauf, dass der Kunde den Kauf schon innerlich beschlossen hatte, ihm aber der Preis nicht passt. Da dem Kunden der Kauf des Produkts wichtig ist, sind stärkere emotionale Reaktionen involviert. An dieser Stelle hat der Verkäufer die Möglichkeit, entsprechend auf die mimische Reaktion des Kunden zu reagieren, sodass das Gespräch einen positiven Verlauf in dem Sinne nimmt, dass eine Kaufreaktion auf der Seite des Kunden ausgelöst wird.
Wenn wir sehen können, wie sich unser Gesprächspartner fühlt, mit welchen Sorgen sich dieser beschäftigt, was ihn bewegt, können wir darauf reagieren und ihn unterstützen. Die Menschen kommen sich näher, weil sie sich besser einfühlen können. Für die Mimikresonanzexpertin wird das Leben dadurch friedvoller, verständnisvoller und einfach herzlicher. Gerade für Menschen in Trauer ist ein herzlicher und friedvoller Umgang miteinander wichtig. Sie wollen verstanden werden, sodass sie ihre Erlebnisse verarbeiten und wieder genesen können. Marlis beschreibt es als ihr Herzensprojekt mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich mit der Trauer auseinandersetzen. Dies sind insbesondere Menschen, die in der Palliativmedizin beschäftigt sind oder in Hospizen.
Das sind jene Menschen, die Ältere und Schwerstkranke auf dem letzten Weg ihres Lebens begleiten bzw. auch im Sterben begleiten. Die Bedürfnisse des Sterbenden zu sehen und ihm vielleicht noch Wünsche zu erfüllen, kann es für alle Beteiligten einfacher machen. Viele Menschen in Alten- und Pflegeheimen leiden still, weil keiner ihre Schmerzen sieht und sie diese nicht mehr aussprechen können. Die tiefe Trauer verschlägt den Menschen die Sprache, sodass die Trauerbegleitung auf die mimischen Expressionen angewiesen ist, um sich vergewissern zu können, wie es dem Trauernden aktuell geht und was dieser braucht. Da das emotionale Befinden stark schwankt ist es wichtig, schnell zu erkennen, in welchem Gefühlszustand sich der Trauernde gerade befindet, um passend darauf zu reagieren. Vordergründig geht es darum, die Schmerzen zu nehmen und eine gewisse Lebensqualität zu bilden.
Wie verläuft ein Mimikresonanz-Training? «In unseren Trainings versuche ich immer auf meine spezielle Zielgruppe einzugehen. Das heißt, wenn ich Leute im Verkauf habe, werden auch ganz viele Themen praktischer Art aus dem Verkauf erwähnt», erklärt Marlis. Damit die Teilnehmer ein Grundverständnis für die Mimikresonanz entwickeln, werden die theoretischen Hintergründe zur Mimikresonanz besprochen und um die Emotions-Erkennungsfähigkeit zu trainieren, werden bei den Trainings Videos analysiert, die Beispiele aus dem täglichen Leben beinhalten. Für jeden Teilnehmer besteht stets die Möglichkeit einen Selbsttest zu absolvieren, um den eigenen Trainingsfortschritt zu messen. Dieser ist über folgenden Link abrufbar: www.mikroexpressionen.de.
Die Mimikresonanzexpertin informiert auf ihrer Webseite www.kommunikation-wortlos.de über aktuelle Themen zu ihren Seminaren und Vorträgen. Zusammengefasst fördert die Mimikresonanz unsere Empathie und ist für alle Menschen wichtig zu erlernen, da eine höhere emotionale Intelligenz in unserer Gesellschaft das Zusammenleben miteinander erleichtert und unser Leben zufriedener und schöner macht. «Ich würde mir wünschen, dass ganz, ganz viele Menschen sich in der Kunst des Gesichterlesens üben», so Marlis hoffnungsvoll.
Zum Videointerview mit Marlis Lamers
Zu den sieben Expressionsbildern
Quelle: Eilert, Dirk W. (2013): Mimikresonanz. Gefühle sehen. Menschen verstehen, Paderborn 2013.