Beim MED-EL-Symposium am HNO-Kongress in Berlin wurden neue Hörimplantat-Technologien vorgestellt. Im Kurzinterview spricht Prof. Prof. h. c. Dr. med. Thomas Lenarz über den Kongress, das Cochlea Implantat und auch von der Implantierung bei Kindern im ersten Lebensjahr.
Was war Inhalt der Präsentation, welche Sie im Rahmen des diesjährigen HNO Kongresses in Berlin vorgestellt haben?
Prof. Prof. h. c. Dr. med. Lenarz: Darstellung der Cochlea-Implantation unter Berücksichtigung des individuellen Hörverlustes, des Restgehörs, der Cochlea-Anatomie und der voraussichtlichen Entwicklung des weiteren Hörverlustes sowie Auswahl der geeigneten Elektrode für jeden einzelnen Patienten.
Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Innovation im Bereich der Hörimplantat-Systeme des letzten Jahres, die auf dem HNO Kongress vorgestellt wurde?
Prof. Prof. h. c. Dr. med. Lenarz: Möglichkeit der individuellen Elektrodenauswahl aus einem breiten Portfolio von Elektroden unterschiedlicher Länge und damit Optimierung der Hörrehabilitation für den einzelnen Patienten.
Welche Unterschiede konnten Sie bei der Hörentwicklung implantierter Erwachsener im Vergleich zu Kindern beobachten, deren Hörbehinderung eine ähnliche Ausgangssituation vorweist?
Prof. Prof. h. c. Dr. med. Lenarz: Implantierte Erwachsene haben in der Regel einen sehr schnellen Hörerfolg, während bei Kindern mit angeborenem Hörverlust die Hör- und Sprachentwicklung wie bei normal hörenden Kindern auch mehrere Jahre in Anspruch nimmt.
Ist es korrekt, dass ein Implantat bei Kindern immer eine erfolgreiche Beeinflussung hat?
Prof. Prof. h. c. Dr. med. Lenarz: Die Cochlea-Implantation bei Kindern ist, wenn sie früh vorgenommen wird, d.h. innerhalb des ersten Lebensjahres bei angeborenem Hörverlust oder innerhalb der ersten Monate nach dem erworbenen Hörverlust, praktisch immer von Erfolg gekrönt. Die Kinder kommen in die Sprache und entwickeln in der Regel eine normale Sprache und Aussprache.
Hatten Sie während Ihrer beruflichen Laufbahn einen Fall, bei dem ein frühimplantiertes Kind keinerlei Fortschritte aufzeigte? Wenn ja, welche Schritte haben Sie dann in die Wege geleitet?
Prof. Prof. h. c. Dr. med. Lenarz: Bei Kindern mit fehlendem Hörnerv ist ein Cochlea-Implantat nicht erfolgreich. Weiterhin kann die Entwicklung bei Kindern mit Mehrfachbehinderung, insbesondere geistigen Behinderungen oder Autismus zu einem geringen oder ausbleibenden Erfolg führen. In Abhängigkeit der Ursache können dann verschiedene Maßnahmen ergriffen werden: Bei fehlenden Hörnerven die Hirnstammimplantation, bei Kindern mit Mehrfachbehinderung die Behandlung der zusätzlichen Behinderungen. Technische Fortschritte müssen sich auf eine Verbesserung der Elektroden mit einer höheren Zahl elektrischer Reizkontakte und damit einer Erhöhung der Informationsübertragungsrate konzentrieren. Gleichzeitig ist die optimale Vorverarbeitung des Schalls für Hörgeschädigte von besonderer Bedeutung. Einen Menschen hörend zu machen, ist sicherlich mit das größte Glücksgefühl, das auch Ärzte haben können. Den Weg aus der Stille und Isolation in eine Welt der Hörenden zu bahnen, ist eine hohe Belohnung für ärztliches Tun.
Angenommen, Sie sind vollständig ertaubt. Würden Sie sich implantieren lassen, sofern ein Cochlea-Implantat für Sie die geeignete Lösung wäre? Wenn ja, warum?
Prof. Prof. h. c. Dr. med. Lenarz: Implantation auf jeden Fall, da nur so Hören wieder möglich ist.