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Erfinder, Physiologe und Autor: Geoffrey Ball

Geoffrey Ball - Ein amerikanischer Erfinder, Physiologe (Biomechanik) und Autor. Sein Buch «... Und ich höre doch» wurde von Betroffenen vielseitig gelobt. Geoffrey Ball ist auch Erfinder des Vibrant Soundbridge (MED-EL). Im Interview spricht er über seinen Werdegang, Implantation und Lebensqualität.

Wann wurde Ihnen Ihr Hörverlust zum ersten Mal richtig bewusst?

Meine früheste Erinnerung an meinen Hörverlust ist gar nicht meine Gehörlosigkeit – ganz im Gegenteil. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie laut alles bis zu meinem dritten Lebensjahr war. Wir lebten damals in einer Mietwohnung an einer Straße, an der es auch ein Lager gab, das von Lastwagen frequentiert wurde. Und jeden Morgen um sechs Uhr fuhr eine lange Schlange von Lastwagen an unserem Haus vorbei und weckte mich auf. Sie waren unheimlich laut.

Ich kann mich auch daran erinnern, dass wir meine Tante und meinen Onkel besucht haben. Sie hatten eine alte Standuhr, die sie übrigens heute noch besitzen. Ich weiß noch, dass die Uhr jede Stunde zuerst ein klapperndes Geräusch machte und dann die Stunden schlug. Immer, wenn ich das hörte, rannte ich durch das ganze Haus, um die Uhr anzuschauen, während sie schlug. Dann wurde ich sehr krank. Ich hatte eine Mandelentzündung und lange Zeit hohes Fieber und musste etwa einen Monat lang im Bett bleiben. Ich erinnere mich noch genau daran, wie geschwollen meine Ohren waren und dass ich schmerzhafte Ohrenentzündungen hatte. Als ich dann wieder gesund war, habe ich die Lastwagen nicht mehr gehört. Die Welt war auch nie wieder laut. Ich erinnere mich noch, dass ich die Standuhr anstarrte, aber ich hörte sie nie wieder schlagen. Ich dachte, sie müsse kaputt sein.

Sie haben eine Regelschule besucht. Was für Herausforderungen mussten Sie bewältigen?

Ja, ich habe eine ganz normale Schule besucht. Eine Zeit lang wurde in Erwägung gezogen, mich in Gebärdensprache zu unterrichten und auf eine Gehörlosenschule zu schicken. Aber einer meiner Ärzte bestand rigoros darauf, dass ich weiterhin eine Regelschule besuchen sollte. Also wurde eine Art Kompromiss gefunden. Ich nahm an jedem Schultag rund fünf Stunden am regulären Unterricht teil und hatte danach noch eine oder zwei Stunden zusätzlich Unterricht im Lippenlesen sowie Sprech- und Hörtraining. Ich denke, dass mich das Lippenlesen gerettet hat, denn ich konnte zwar noch ein paar laute Geräusche hören, aber überhaupt nicht verstehen, was gesagt wurde. Ganz ehrlich: Ich glaube, dass ich ab einem bestimmten Punkt einer der besten Lippenleser der Welt war. Ich hatte gar keine andere Wahl. Ich bekam zwar schon sehr früh Hörhilfen, aber diese leisteten nicht mehr, als mich mit unverständlichen Klängen zu malträtieren. Das was ich hörte, habe ich als schrill empfunden, so dass ich allenfalls Ohren- und Kopfschmerzen bekommen habe. Außerdem waren die Hörgeräte so groß, klobig und unbequem, dass ich mich deswegen geschämt habe.

Und ja, ich wurde auch gehänselt. Es ist erstaunlich, dass Kinder bei Dingen, die sie nicht verstehen, so gemein sein können. Aber so sind Kinder nun einmal. Ich bekam den Spitznamen «Deaf Geoff» (tauber Geoff) und sie sangen Spottlieder über mich. Ja, es gab ziemlich viele nicht so schöne Tage. Ich kann mich daran erinnern, dass ich es oft nicht abwarten konnte, bis die Schule aus war und ich nach Hause rennen konnte, um zu heulen. Aber schließlich habe ich gelernt, mir nichts mehr gefallen zu lassen. Ich beschloss, dass ich jeden, der mich wegen meiner Gehörlosigkeit verspottete, windelweich hauen würde – auch dann, wenn ich keine Chance hätte, den Kampf zu gewinnen. Ich nahm es auch mit mehr als einem Kind oder viel größeren Kindern auf. Sie konnten sich aus jedem anderen Grund über mich lustig machen, dann war es wie in dem Sprichwort «sticks and bones may break my bones but words will never hurt me» (Stöcke und Steine können meine Knochen brechen, doch Worte können mich nie verletzen). Aber wehe, jemand lästerte über meine Gehörlosigkeit, das würde ihnen wehtun. Manchmal taten sie mir noch mehr weh, aber am Ende begriffen sie, dass dieses Thema tabu war, und sie hörten auf. Wissen Sie, wenn man sich lange und hart genug wehrt, dann wird man richtig gut darin. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich war einfach entschlossen, mir nichts gefallen zu lassen.

In der High School wurde ich täglich eine oder zwei Stunden in einer Sonderklasse mit allen anderen gehörlosen Kindern unterrichtet. Ich muss sagen, ich hatte einen tollen Lehrer, der Mr. Day hieß, und ihm fiel auf, dass ich den ganzen Tag lang las. Der Grund dafür war, dass ich nicht fernsehen konnte, denn ich hörte den Ton ja nicht. Deshalb konnte ich auch nicht ins Kino gehen. Er fing an, mir Bücher zu geben. Dann musste ich ein Referat darüber halten und einen Bericht schreiben. Während meiner gesamten High School-Zeit habe ich jede Woche mindestens ein Buch gelesen. Mein Lehrer führte eine Strichliste. Ich glaube, bis zu meinem Schulabschluss hatte ich über 200 Bücher gelesen. Manche davon waren wirklich keine ‹leichte Kost› wie z.B. Conrad oder C.G.Jung oder Hobbes.

Ich war schon in sehr jungen Jahren Rettungsschwimmer. Tatsächlich war ich damals der jüngste, der sich jemals dafür qualifiziert hatte. Damit verdiente ich Geld, was mir ein gehöriges Selbstvertrauen verschaffte. An den Wochenenden habe ich auch immer für die Start-up-Unternehmen meines Vaters gearbeitet und bin jeden Morgen vor der Schule um fünf Uhr früh aufgestanden. Seit ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt war, habe ich also immer gearbeitet. Während meiner High School-Zeit habe ich auch selbst mehrere Firmen gegründet (von denen eine übrigens bis heute noch existiert). Ich war einfach immer beschäftigt. Bei den anderen Kindern und Jugendlichen war ich ziemlich beliebt, ich denke aber, das hatte vor allem damit zu tun, dass meine Eltern den Fehler gemacht hatten, mir die Planung unseres Swimmingpools zu überlassen. Wir hatten den besten Pool in der gesamten Nachbarschaft, mit einem riesigen Whirlpool, einem Sprungbrett und einem Wasserfall. Der Pool war einfach gigantisch. Daher wollten alle immer zu mir nach Hause kommen.

Hat Musik für Sie irgendeine Rolle gespielt, als Sie noch jünger waren? Was ist heute anders?

Ja, ich hatte tolle Musiklehrer, und ich kann eine Menge Instrumente spielen, zum Beispiel Gitarre, Saxophon, Flöte, Ziehharmonika und Waldhorn – eines schlechter als das andere. Ich habe die meisten nicht über das Hören erlernt, sondern durch Fühlen der Vibrationen und indem ich den Trommeln gefolgt bin, die ich ja hören konnte. Ich konnte am Ende mit meinen Füßen die Takte zählen und wusste, wann eine Note gespielt werden musste. Aber offenbar spielte ich immer entweder zu laut oder zu leise. Ich versuchte auch, in einem Chor zu singen, aber darin war ich wirklich schlecht. Auch hier war das Problem, dass ich entweder zu laut oder zu leise war. Anstatt meine Biographie «… Und ich höre doch» zu nennen (Titel der englischen Originalausgabe: «No More Laughing at the Deaf Boy»), hätte ich sie lieber «Der taube Junge kann immer noch nicht singen» nennen sollen. Ich halte meine Söhne nicht dazu an, sich mit Musik zu beschäftigen. Heute ist es meiner Meinung nach wichtiger, wenn sie sich mit Theater und ähnlichem auseinandersetzen, was sie auch tun.

Können Sie beschreiben, was es für Sie bedeutet hat, an der Stanford University zu forschen?

Oh, das war ein Traum, der für mich in Erfüllung ging. Ich bin ja in der Nähe von Stanford aufgewachsen und war am Wochenende oft mit meinem Vater in der Universität. Ich habe immer davon geträumt, dort zu studieren, aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich niemals das Stanford-Potenzial haben würde. Als ich dann für das Institut für Hörforschung von Dr. Richard Goode eingestellt wurde, konnte ich es kaum glauben. Im ersten Jahr habe ich immer damit gerechnet, hinausgeworfen zu werden, sobald man erkennen würde, wie unqualifiziert ich war. Aber in Wahrheit war ich wohl doch ein guter Wissenschaftler. Als ich dort aufhörte, um mein eigenes Unternehmen für Hörimplantate zu gründen, war ich einer der besten Forscher auf dem Gebiet. Rückblickend staune ich immer noch darüber, wie es so gekommen ist. Ich hatte einfach großartige Mentoren, Lehrer und einen tollen Chef, die mich alle unterstützten und an mich geglaubt haben. Als ich eingestellt wurde, ist mir gar nicht richtig bewusst geworden, dass ich gerade ein Universitätsstudium abgeschlossen und meinen Traumjob an meiner Traumuniversität bekommen hatte. Ich glaube, ich habe es immer noch nicht so ganz begriffen. Mir sind großartige Leute begegnet, die mich beeinflusst haben, zum Beispiel Dr. Joe Robertson. Es ist für mich immer noch eine Ehre, mit ihm zusammenzuarbeiten. Damals waren wir beide noch ganz jung, und ich glaube, er war erheblich intelligenter als ich, aber der Kontakt mit solchen Menschen bringt einen persönlich weiter. Man will sich dadurch immer selbst steigern, seine Sache besser machen und besonders innovative Forschungsarbeiten liefern. Ich habe sehr viel Glück gehabt.

Wie ging es Ihnen nach der Implantation?

Ich habe einen Ingenieur der NASA getroffen, der als Projektleiter am NASA Mars Rover-Projekt mitgearbeitet hat. Er hatte jahrelang am Rover gearbeitet. Als er fertig war, haben sie das Fahrzeug zum Mars geschossen. Er musste viele Monate abwarten, während das Ding durch den Weltraum auf dem Weg zum Mars war. Von seinen Tests wusste er, dass es höchstwahrscheinlich funktionieren würde – zumindest solange der Rover nicht in Flammen aufgeht oder vom Kurs abkommt, der Kontakt nicht abbricht, er nicht zwischen zwei Felsen landet und wenn sich sein Fallschirm öffnet. Als Ingenieur musste er zwar zu 110% davon überzeugt sein, dass das System funktionieren würde, aber er wusste aufgrund seiner Tests auch, dass die Möglichkeit bestand, dass der Rover nicht funktioniert. Glücklicherweise hat es geklappt. Ich traf ihn bei der Preisverleihung zum Ingenieur des Jahres (Engineer of the Year Awards), wo ich mich mit ihm unterhalten habe. Er erzählte mir, das Schwierigste sei das Warten gewesen. «Ich wusste zwar im Grunde meines Herzens, dass der Rover höchstwahrscheinlich funktionieren würde, und ich musste ja auch darauf vertrauen. Aber Sie wissen ja, es kann immer etwas schiefgehen. Das Warten war wirklich das Schlimmste.»

Als mir dann ein Hörimplantat eingesetzt wurde, das ich selbst erfunden und gebaut hatte – mir, da entsprach die Wartezeit zwischen der Implantation und der Aktivierung vermutlich dem, was der Ingenieur des Mars-Rovers durchgemacht hatte. Ich wusste, dass die Daten haargenau stimmten und dass es funktionieren würde. Ich vertraute zu 110% darauf, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich keinerlei Zweifel hatte. Ich denke, das ist einfach normal. Als mein Gerät also aktiviert wurde und funktionierte, war ich gleichzeitig so erleichtert und glücklich, dass ich in Tränen ausbrach – obwohl ich ansonsten kein besonders emotionaler Typ bin. Dann hörte ich die Vögel zwitschern – das war unglaublich. Ich hörte den Wind durch die Blätter streichen, und ich nahm das Geräusch wahr, das dabei entsteht – etwas, das ich noch nie zuvor gehört hatte. Das war einmalig. Außerdem hörte ich zum ersten Mal meine Stimme, was nicht so toll war. Ich hatte immer gedacht, meine Stimme würde viel besser klingen (übrigens hat sich der Klang meiner Stimme in den Jahren nach der Implantation immer weiter verbessert, heute klingt sie für die meisten Menschen ganz normal). Ich war auf einmal voller Emotionen. Der Klang war klar, es gab kein Feedback-Pfeifen, keine Verzerrung, nur einen kühlen, klaren Klang.

Was hat sich seither in Ihrem privaten und beruflichen Leben verändert?

Eigentlich alles. Beruflich wurde ich auf einmal von einem Niemand zu einem Jemand. Mit einem Mal wussten die Leute, wer ich war. Mir wurden die Auszeichnung «Engineer of the Year» und eine Menge anderer Preise verliehen. Ich hielt viel mehr Reden in der Öffentlichkeit als jemals zuvor. Die große Ironie liegt für mich darin, dass ich ein Implantat haben wollte, damit niemand mehr meine Hörhilfen sehen oder bemerken würde, dass ich taub war. Und auf einmal redete ich in aller Öffentlichkeit über diese ganz persönliche Angelegenheit. Die Zeit, in der ich mich verstellte und meinen Hörverlust geheim gehalten habe, war damit vorbei.

Danach war ich entschlossen, noch weitere Hörimplantate zu entwickeln, da es verschiedene Arten von Hörverlust gibt. Es ist meine Mission, Geräte zu bauen und dafür zu sorgen, dass Menschen mit Hörverlust besser hören können und bessere Chancen bekommen als ich. Heute funktionieren alle unsere Hörimplantate so gut, dass sie eine echte Hilfe für die Kommunikation sind und den Sinn für den Klang verbessern – etwas, wovon ich als kleiner Junge nur träumen konnte. Heute ist das kein Traum mehr. Es ist Wirklichkeit geworden. Ich bin so froh, dass ich die Chance hatte, der Welt etwas zurückzugeben und dazu beitragen konnte, die Stille zu besiegen – to beat the silence.

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