«Es gibt für mich nur zwei Gründe, warum ich meine Lauscher (CI) anziehe: Kommunikation mit denjenigen, die keine Gebärdensprache können und Musik! Mann, hab ich die vermisst!», äußerte sich vor kurzem Christine Tschuschner.
Offenbar gibt es gute Gründe für die Beschäftigung mit Musik. Wie wir wissen, kann Musik unsere unmittelbaren Gefühlszustände spiegeln und/oder beeinflussen. Zudem sind ästhetische Erfahrungen mit Musik für alle Menschen von Bedeutung. Dies gilt insbesondere für Kinder mit Hörbehinderung. In erster Linie geht es um die Entdeckung der Freude an Klängen und Geräuschen und der Spielfreude an Instrumenten. Durch diese lustvolle Beschäftigung mit Klängen und Geräuschen gelingt es hörbehinderten Kindern, ein gesichertes Hörvokabular bzw. Hörgedächtnis auszubilden, indem sie ihr Unterscheidungsvermögen trainieren und Zuordnungen treffen lernen. Eine der Grundlagen musikalischen Lernens beruht auf der Fähigkeit, musikalische Vorstellungen zu entwickeln und in Musik ebenso ‚denken‘ zu können wie in einer Sprache. Ein Denken in Musik etabliert sich jedoch erst im Handlungsvollzug und führt zu sogenanntem implizierten Wissen. Im Gegensatz hierzu wird explizites Wissen verbal erworben und symbolisch repräsentiert, implizites Wissen aber im konkreten Handlungsvollzug über Repräsentationen erworben. Man muss sich demnach den Erwerb impliziten Wissens vorstellen wie Fahrradfahren: Keiner kann allein nach verbaler Anweisung einfach losfahren. Es muss zuvor in der Praxis erlernt werden. In dieser Weise wird in einem handlungsorientierten Musikunterricht garantiert, dass sich mentale Repräsentationen bilden und somit abrufbare Wahrnehmungsmuster im Gehirn bilden.
Eine hirnphysiologische Vernetzung von Feinmotorischem und Gehörtem kann sich bereits nach wenigen Minuten Übungen am Instrument bilden (Altenmüller 2009). Das Hören von Musik kann im Anschluss an praktisches Instrumentalspiel Areale des motorischen Cortex‘ stimulieren und das stumme Anschlagen einer Tonfolge am Instrument den auditorischen Cortex aktivieren. Diese Muster der Gehirnaktivitäten können schon nach 20 Minuten Übung beobachtet werden. Die Ursache für die Fähigkeit musikalische Merkmale zu erkennen, ist somit nicht durch allgemeine Reifung oder schulische Bildung zu erklären, sondern durch die im Instrumentalunterricht erworbenen Fähigkeiten.
Es zeigt sich die Wichtigkeit des Erwerbs, von Repräsentationen im Gehirn durch praktisches Tun: Eine klangliche Folge erkennen wir nur dann als etwas, wenn wir sie als etwas in der Vorstellung erfassen können, d. h. als Vorstellung verinnerlicht haben. Es verbessert sich allerdings nicht nur die Handhabung der Musikinstrumente, sondern auch die allgemeine Hörverarbeitung (Roden / Kreutz / Bongart 2012). Die Ausbildung mentaler Hörwahrnehmung wird nämlich durch das Instrumentalspiel unterstützt und führt zur Verfeinerung multisensorischer Wahrnehmungsebenen – zum ‚Hören‘ mit allen Sinnen. Besondere Bedeutung kommt im Kontext Hörbehinderung der Komponente des sensomotorischen Lernens zu.
Hörbehinderte Kinder brauchen ein Lernen durch ästhetische Erfahrungen mit allen Sinnen. Nicht etwa um die Hörbehinderung in irgendeiner Weise zu kompensieren, sondern um sinnvolle und sinnenhafte Verknüpfungen ganzheitlicher Körpererfahrung zuzuordnen, abspeichern und strukturieren zu können. So werden Hörmuster entwickelt, auf die immer wieder zurückgegriffen werden kann. Diese grundlegenden Hörmuster sichern auf Dauer den kompetenten Umgang mit dem Hörvokabular. Außerdem wird damit die Entwicklung eines musikalischen Selbstkonzepts unterstützt: ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten mit und durch Musik und über die Musik hinaus. Denn das gemeinsame Musizieren lässt uns aufeinander hören und miteinander schwingen, damit wir uns mit den anderen synchronisieren können. Auf spielerische Weise wird so die Empathiefähigkeit gefördert.
Der Mensch ist ein «Consortes»; er wird zu dem, was er ist, im Austausch mit anderen. Wenn Inklusion ernst genommen werden soll, ist dies zu berücksichtigen. So werden Potenziale aktiviert, die durch die Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit Musik zu einer neuen Lebensqualität führen.
In diesem Sinne: Musik bewegt!
Altenmüller, E. (2009): Mit Musik die Hirnentwicklung fördern, www.musikschulen.de
Gembris, H. (2015): Transfer-Effekte und Wirkungen musikalischer Aktivitäten auf aus-gewählte Bereiche der Persönlichkeitsentwicklung. Ein Überblick über den aktuellen Stand der Forschung. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, www.bertelsmann-stiftung.de
Mittmann, E. (2015): Musizieren mit hörgeschädigten Kindern, in: Bernatzky,G., Kreutz,G.(Hrsg.) Musik und Medizin, Springer, Wien, S. 99-112