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Projekt: Fachgebärden – Wissenschaftssprache

Gebärdensprache als Wissenschaftssprache? Das GESTU-Pilotprojekt «Fachgebärden» aus Wien setzt neue Maßstäbe für die Kommunikation in der Gebärdensprache.

Ein Studium an der Universität erfordert ein hohes Maß an wissenschaftlicher Sprachkompetenz. Für das Verfolgen von Vorlesungen genauso wie für die Teilnahme an Diskussionen sind Abstraktionsvermögen und die Kenntnis der einzelnen Fachsprachen essentiell. So ist die Selbstpositionierung im wissenschaftlichen Diskurs unweigerlich mit der sprachlichen Teilnahme verbunden. Und zwar auch in Gebärdensprache.

Der Bedarf

GESTU (das Projekt ge-hörlos stu-dieren) unterstützt gehörlose und schwerhörige Studierende an der Universität Wien während ihres Studiums. So werden je nach Bedarf Gebärdensprach- oder SchriftdolmetscherInnen, TutorInnen und andere Unterstützungsformen zur Verfügung gestellt. Dabei steht immer der Bedarf der Studierenden im Blickpunkt und die jeweils Unterstützung orientiert sich nicht selten an der jeweiligen ÖGS-Kompetenz des Studierenden. Doch an diesem Punkt im universitären Sektor stellt die ÖGS-Dolmetschung sowie die Kommunikation Studierender in wissenschaftlichen Belangen, eine große Herausforderung dar, existiert doch ein Großteil des wissenschaftlichen Wortschatzes noch nicht in der ÖGS. «Um das Kommunizieren über wissenschaftliche Inhalte in der Österreichischen Gebärdensprache auf hohem Niveau zu ermöglichen, braucht es Fachgebärden», fasst das Team diesen Bedarf zusammen. Dies bezieht sich jedoch nicht nur auf die gebärdensprachlich kommunizierenden Studierenden, sondern gleichermaßen auch die ÖGS-DolmetscherInnen. Denn ist es ja gerade die Qualität der Dolmetschung, die ohne den Zugriff auf Fachgebärden leidet. So haben Studierende und DolmetscherInnen in der Vergangenheit auf andere Strategien, wie das Buchstabieren mittels Fingeralphabet oder aber Umschreibungen der jeweiligen Begriffe, zurückgreifen müssen. Nicht selten wurden zudem spontan neue Gebärden gebildet, die zwar für die Dauer einer Lehrveranstaltung ihren Zweck erfüllten, die jedoch bis zum nächsten Termin schon wieder vergessen waren. Buchstabieren, Umschreiben, Spontangebärden: die Notwendigkeit für die GESTU-Fachgebärdenetwicklung liegen folglich in den strategischen Notlösungen der ÖGS- Dolmetschung im universitären Alltag begründet.

Entwicklung

So wie sich seit dem ersten GESTU-Pilotprojekt im Jahr 2010 der Bedarf an Fachgebärden schon herauskristallisierte, wurde im Jahr 2011 die GESTU-Fachgebärdenentwicklung ins Leben gerufen. Besondere Bedeutung wurde dabei natürlich der Bildung der Arbeitsgruppe beigemessen. «Es hat sich als ganz wichtig herausgestellt, die Arbeitsgruppe aus gehörlosen Fachexperten und Expertinnen, LinguistInnen und ÖGS Native Signers zusammenzusetzen», erklärt das Team. Die Beteiligung von gebärdensprachkompetente LinguistInnen ist für die Qualitätssicherung der zu entwickelnden Fachgebärden natürlich überaus relevant und zwar in dem Sinne, neue Fachgebärden der Struktur der ÖGS entsprechend zu entwickeln. Dabei müssen jedoch nicht alle neue Gebärden dem Anspruch von Transparenz (’selbst-erklärendend›) genügen. Sofern es mit dem jeweiligen Inhalt übereinstimmt, werden vorzugsweise ikonische Gebärden ausgewählt, doch ist diese Vorgehensweise besonders aufgrund abstrakter Inhalte nicht immer möglich. Wobei dieser Umstand natürlich auf keine Unterlegenheit vonGebärdensprachen gegenüber der Lautsprache hinweist, ganz im Gegenteil: in Deutsch beispielsweise finden sich auch kaum selbsterklärende Fachwörter. So werden in den Arbeitsgruppen die Inhalte der Fachvokabeln diskutiert und anhand der Parameter der ÖGS und unter Einbezug weiterer Kriterien, die Fachgebärden entwickelt und Ideen gesammelt. Die Fachgebärden wollen jedoch keinen «Standard» setzen, sondern sind vielmehr als Vorschläge an die Gehörlosengemeinschaft zu verstehen, da sich die ÖGS wie jede andere Sprache auch stetig weiterentwickelt.

Bei der Projektentwicklung sind neben den oben genannten Personenkreisen in den einzelnen Arbeitsgruppen zu den verschiedenen Fachgebieten natürlich die gehörlosen Studierenden die zentralen Personen. So kommunizieren die Studierenden nicht nur den Bedarf des benötigten Fachvokabulars, sondern verfügen auch über das Wissen um deren Definitionen. Die GESTU-Fachgebärdenentwicklung gewährleistet durch ihre Teamzusammensetzung somit nicht nur einen hohen Qualitätsstandard betreffs der neuen Fachgebärden, sondern sichert auch mit der starken Einbindung der Studierenden ihre Brauchbarkeit.

Präsenz und Konservierung

Eine Notwendigkeit von Fachgebärden stellte nicht nur das Fehlen der Gebärde als solche, sondern auch ihre Konservierung dar. Da es sich bei Gebärdensprachen um visuell-gestische Sprachen handelt, schien die Sammlung und Darstellung nur in einem videotechnischen Format als sinnvoll. So wurden auch mit Hilfe eines Technikstudenten, der die einzelnen Fachgebärden nach erfolgreicher Entwicklung als einzelne Video-Clips bereitstellte, eine eigene Online Präsenz geschaffen. Seit Ende Februar diesen Jahres ist die GESTU-Fachgebärdensammlung auf einer Online-Plattform öffentlich zugänglich. Mit insgesamt über 2000 Einträgen für 17 verschiedene Fachrichtungen (von Literaturwissenschaft, über Psychologie bis hin zu Molekularbiologie) können explizit nach deutschen Fachgebärden gesucht oder aber nach Themenbereichen selektiv durchstöbert werden. Die einzelnen Begriffe sind in Schriftform definiert und als Video einsehbar. Sofern ein Begriff für verschiedene Kontexte definiert wird (bspw. Experiment), finden sich dementsprechend mehrere Video mit sich differenzierenden Gebärden. Die Plattform ist jedoch nicht nur für Studierende der Uni Wien gedacht, sondern für jeden zugänglich und Feedback beziehungsweise Teilhabe an der Entwicklung durchaus gewünscht. So können nach  Anmeldung Kommentaren zu den einzelnen Gebärden hinterlassen werden, genauso wie Vorschläge für neue Fachgebärden jederzeit willkommen sind. Unter der Rubrik «Gebärden benötigt» findet sich so auch eine Ausschreibung zur teilnehmenden Entwicklung von Begriffen wie beispielsweise ‹Pronkleus› oder ‹Antagonist›.

Nutzen und Zukunftsversionen

Nach einer erfolgreichen Anlaufphase, wozu die Fachgebären Online-Plattform für die Österreichische Gebärdensprachgemeinschaft zu einer Eröffnungspräsentation eingeladen wurde, zeichnet sich auch der qualitative Nutzen ab – auch von außerhalb der Universität. «Besonders vonseiten der LehrerInnen und anderen Personen, die mit gehörlosen SchülerInnen arbeiten, ist das Interesse an Fachgebärden sehr groß.» berichtet das Team über das überwiegend positive Feedback. Bei genauerer Betrachtung scheint dieser Umstand auch mehr als nachvollziehbar. Ursprünglich aufgrund einer erschwerten Dolmetschung in der Universität entwickelt, kann der Bedarf an Fachgebärden als universell beschrieben werden: jede Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Sachverhalten (egal welcher Thematik) benötigt eine sprachliche Entsprechung. So profitieren gebärdensprachliche Studierende nicht nur in Hinblick auf eine hochwertige Dolmetschung bei Lehrveranstaltungen von Fachgebärden, vielmehr ermöglicht der passive und aktive Wortschatz den essentiellen Austausch mit Kollegen, Lehrpersonen und nicht zuletzt mit sich selbst beim Lernen. Die Verfügung von Ausdrücken für Fachbegriffe in der eigenen Sprache bedeutet somit einen weiteren Schritt für die barrierefreie Öffnung der tertiären Bildung. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies positiv auf die Zahl von gehörlosen Studierenden an den Universitäten auswirkt, denen somit die Möglichkeit zu einem akademischen Abschluss zu erlangen gegeben wird.

Daneben führt das Team der GESTU-Fachgebärdensammlung eine weitere wichtige Motivation und Zielsetzung ihrer Arbeit an: die Etablierung von Gebärdensprachen als Wissenschaftssprache und somit zu zeigen, dass man mit ihr genauso abstrakte und komplizierte Sachverhalte darstellen kann, wie in der Lautsprache. Solche komplexe Sachverhalte wie sie an Universitäten gelehrt werden. Dadurch, dass Fachgebärden das Studieren für gebärdensprachliche Studierende maßgeblich erleichtern und somit nicht nur positiven Einfluss auf das Selbstverständnis der Gemeinschaft nimmt, sondern durch die Präsenz der Gebärdensprache als Wissenschaftssprache auch auf das Fremdverständnis, knüpft das GESTU-Projekt nahtlos an die Forderung des barrierefreien Bildungszugangs an oder anders ausgedrückt: Sprache. Macht. Wissen.

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