So hört die Welt

So hört die Welt in Südafrika

In armen Ländern sind Menschen mit einer Hörbehinderung auf jede Hilfe angewiesen. Schwerhörige Erwachsene in Südafrika erhalten von Hear the World eine Chance, am örtlichen Leben teilzuhaben.

In Südafrika prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite wohlhabende Wohngegenden mit gepflegtem Rasen, eigenem Pool und hohen Mauern – nicht weit davon entfernt das komplette Kontrastprogramm mit dicht gedrängten, improvisierten Wellblechhütten. Die Armut vieler Menschen ist weithin sichtbar. Alleine in Kayelitscha, einem der grössten Townships Südafrikas bei Kapstadt, leben mehr als 2,5 Millionen Einwohner auf engstem Raum, viele sind arbeitslos. Zugang zu medizinischer Versorgung haben diese Menschen kaum.

Für die hörmedizinische Versorgung gibt es zumindest Pläne der südafrikanischen Regierung: 2012 wurde ein obligatorisches Hörtest-Programm für Schulkinder eingeführt. Dessen Umsetzung verläuft jedoch nicht wie geplant. Es fehlt an Experten: In Südafrika gibt es durchschnittlich nur 2,4 Audiologen pro 100.000 Einwohner – zum Vergleich sind es in Grossbritannien 16,4. Zudem ist das audiologische Equipment unerschwinglich für den südafrikanischen Staat. Leidtragende sind vor allem Kinder mit Hörverlust aus den Townships.

Das Ziel: 10.000 Hörtests per App

Diesem Problem hat sich das südafrikanische Start-up hearX Group angenommen: Es hat die App hearScreen entwickelt, mit der Laien nach einer kurzen Schulung selbst Hörtests durchführen können. Dazu brauchen sie nur ein Smartphone und Kopfhörer. Wird ein Hörverlust identifiziert, folgt ein zweiter Test mit der App, bevor an einen Audiologen überwiesen wird. Die Kosten für die Tests können so um 50-70 Prozent gesenkt werden.

Seit 2017 arbeiten die Schweizer Hear the World Foundation und die hearX Group gemeinsam auf ein Ziel hin: Bis Anfang 2019 sollen 10.000 Kinder aus Townships bei Johannesburg und Kapstadt auf Hörverlust getestet werden. Dafür unterstützt die Stiftung das Projekt nicht nur mit finanziellen Mitteln, sondern stellt den identifizierten Kindern leihweise auch Hörgeräte zur Verfügung, bis diese ihre eigenen durch das staatliche Gesundheitsprogramm bekommen. Die Hörtests werden von den Bewohnern der Townships selbst durchgeführt: Sie kennen sich nicht nur am besten aus und können potenziell gefährliche Situationen gut einschätzen, sondern sprechen auch die afrikanischen Sprachen.

Gregor Meyle gibt Kindern Hoffnung

Im Juli 2018 erhielt das Team prominente Unterstützung: Der deutsche Sänger und Musiker Gregor Meyle ist neuer Botschafter der Hear the World Foundation und führte mit der App selbst Hörtests durch – Meyles erster Einsatz als Botschafter für bewusstes Hören. Im Carel du Toit Centre, einem weiteren Projektpartner in Kapstadt, traf Meyle ausserdem 88 Kinder, die von der Hear the World Foundation Hörgeräte bekommen hatten. Ein Team aus Hear the World Volunteers passte die neuen Hörgeräte fachgerecht an. Das karitative audiologische Zentrum hilft bedürftigen Kindern mit Hörtests, Hörgeräte-Anpassungen und Sprachtherapie. Welche Freude die Kinder am Hören haben, erlebte Gregor Meyle, als er mit den Kindern sang und musizierte. Seine Mission: Über die Musik will Meyle die Kinder motivieren, ihr Sprachvermögen weiter zu trainieren – und ihnen so Hoffnung für ihre Zukunft geben.

So wie der fünfjährigen Phwiokuhle Isaac, die in Kapstadt in sehr einfachen Verhältnissen aufwächst und sich schon früh von den anderen Kindern in ihrer Nachbarschaft unterscheidet: Während sie als Kleinkind noch Laute und Gebrabbel von sich gab, wurde sie aufgrund ihres fortschreitenden Hörverlusts mit der Zeit immer stiller und zurückgezogener. Mit ihren neuen Hörgeräten und einer intensiven Sprachtherapie hat sie bereits Fortschritte gemacht – und ist von ihren violetten Helfern, auf die sie sorgfältig achtet, ganz begeistert. So kann sie neben ihrer Sprachtherapie erstmals das machen, was alle Kinder in ihrem Alter tun sollten: Mit anderen Kindern spielen, malen und zu Musik tanzen!

Der Staat soll übernehmen

Damit das Projekt langfristig erfolgreich ist, sammelt das Team in Zusammenarbeit mit Prof. De Wet Swanepoel von der Universität Pretoria systematisch Daten aus der App. Mit den Forschungsergebnissen will das Team die südafrikanische Regierung von der Bedeutung des Projekts überzeugen und aufzeigen, wie wichtig es ist, Kindern eine altersgerechte Entwicklung zu ermöglichen – und die Kluft zwischen Arm und Reich zumindest ein bisschen überbrücken.

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