Kolumne

Meister Yoda am Ohr

Lange, lange war ich in meiner Familie einsam, was schlechte Ohren betraf. Niemand konnte meine Hindernisse richtig nachvollziehen oder wirkliches Verständnis aufbringen, wenn mir große Familienfeste einfach zu bunt wurden. Und damit meine ich natürlich nicht farbenfroh.

Alles änderte sich, als mein Vater anfing Fernsehen zu schauen, als wollte er den Nachbarn RTL Aktuell nicht vorenthalten. Meine Mutter brüllte ihm regelmäßig hinterher und es häuften sich die Vorfälle, dass mein Vater nicht reagierte. Was folgte? Urteil eins: Hörgeräte.

Dann, etwa zeitgleich gab meine Großtante bei meinem Großonkel auf und hob die Hände zum Himmel. Nicht, um zu tanzen („Und die Hände zum Himmel und lasst uns fröhlich sein.“) sondern um Gott für eine Lösung zu bitten. Mein Großonkel sagte nämlich die Hälfte des Tages: Hä? und brachte die Boxen des Fernsehers an seine Grenzen. Urteil zwei: Cochlea Implantat.

Und jetzt, in der letzten Woche war der übliche Besuch beim Ohrenarzt für meinen Opa dran. Auch er verriet sich schon seit Monaten damit, dass er immer lächelte und nickte, wenn man ihn etwas fragte. Wir alten Hasen wissen genau, was das bedeutet. Nämlich: Ja, ja – ich habe zwar keinen Plan worum es geht, aber nicken und lächeln geht immer. Lange Rede, kurzer Sinn, Urteil drei: Hörgeräte.

Für mich bedeutet das nun vor allem eines, wenn am CI etwas blinkt, werde ich angerufen und gefragt, was es bedeutet. Als wäre ich der CI Flüsterer. Besonders, wenn die Batterien bereits ausgetauscht waren. Bevor das Cochlea Implantat – Abenteuer es aber überhaupt ins Krankenhaus schaffte, da durfte ich den Fachmann für all die verschiedenen Anbieter spielen.

Als mein Vater seine ersten Hörgeräte bekam und plötzlich vor einem Rekorder Hörtraining machte, hörte ich ihn fluchen und fand ihn schließlich nach jeder Stunde fix und fertig auf seiner Rollenliege. Sowohl mein Vater, als auch mein Großonkel hassen nun große Parties und Familienfeste. Beide findet man alle zwanzig Minuten in der Raucherecke, weil sie eine Pause brauchen.

Was soll ich sagen? Sie beschweren sich nun über all die Sachen, die für mich Alltag sind und es tut mächtig gut endlich Verbündete zu haben.

Und mein Opa? Der hat zwar einen Wisch vom Ohrenarzt bekommen, behauptet jedoch steif und fest, dass er keine Ahnung habe, was er damit anfangen soll. Flucht ist sinnlos. Nächste Woche führt mein Vater ihn in das Reich des Hörgeräteakustikers und dann wächst unser kleiner Clan ein bisschen weiter. Sehr zur Freude der Frauen in meiner Familie, denn der Fernseher durchbricht mit seiner Lautstärke keine Schallmauern mehr.

Ich jedenfalls freue mich darauf, ein weiteres Mal den Yoda der Hörhilfen zu spielen.

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